Hundeleine Leder

Hund oder Zugpferd?

Veröffentlicht am 5. Juli 2016

Wenn der Hund das Herrchen im Schlepptau hat…

Warum Hunde sich nicht wie Zugpferde benehmen und wieso Hundeleinen eigentlich gar nicht da sein sollten – und welche Missverständnisse es noch bei der Verbindung zwischen Hund und Mensch gibt.

Der Wunsch

„Wunderbar, wie er mir überallhin folgt, mich treu begleitet. Und er bleibt so lieb stehen, wenn ich mir Zeit nehme, um meine Entdeckungen am Wegesrand zu begutachten. Er weiß auch, dass er einen Zahn zulegen muss, wenn ich es eilig habe.“

Die Ist-Situation

Diese zauberhaften Worte sprach leider kein Mensch, sondern ein imaginärer Hund. Fast jeder zweite Hund, dem ich auf meinen Gassirunden begegne, ist der eigentliche Herrscher übers Herrchen (oder Frauchen). Und die Hundeleine ist das Machtinstrument des Hundes, um dem Zweibeiner seinen Willen aufzuzwingen.

Merken Sie’s? Beim Thema Leinenführigkeit grummelt so ein latenter Ärger in meinem Bauch. Weil die Zweibeiner meinen, ihren Hunden etwas Gutes zu tun, wenn sie sich an der Hundeleine hinterherzerren lassen oder plötzlich abrupt stehen bleiben, weil der Fellschatz etwas Interessantes gründlich abschnüffeln möchte.

Hier liegt ein Missverständnis vor – ich würde es mal „verkehrte Welt“ nennen. Denn leinenführig sollte nicht der Mensch, sondern der Schnüffelspezialist sein. Warum?

Nicht, weil es stressig ist, mit einem ziehenden und zerrenden Hund spazieren zu gehen. Denn davon haben weder Hund noch Mensch etwas – außer Ärger und böse Verspannungen. Der Grund für den Gehorsam an der Leine ist: Unsere Fellnasen brauchen einen Chef. Ohne Boss sind sie orientierungslos, werden maßlos, aggressiv oder auch total verängstigt.

Stellen Sie sich vor, sie sind Grundschüler und machen mit der Klasse einen Ausflug. Toll! Aber ohne Lehrerin. Noch toller! Echt? Nach kurzer Zeit verlieren alle Kinder die Orientierung, sie verstreuen sich in alle Winde und das Chaos ist perfekt. So ungefähr stelle ich mir die Verwirrung im Kopf eines ungeführten Hundes vor.

Ja, wir alle träumen davon, Lassie an unserer Seite zu haben. Lassie, die (oder der?) nie von unserer Seite weicht – höchstens, um andere Lebewesen zu retten oder in einen Sprachkurs für sprechbegabte Hunde zu gehen. Von dieser Traumvorstellung musste ich mich leider schon früh verabschieden, als ich die ersten Leinen-Gehversuche mit meinem Terrierflummi Fips gemacht habe.

Das Ziel

Um die Verbindung von Hund und Mensch buchstäblich durch eine Leine zu stärken, sollte man sich eines klar machen: Das Ziel sollte sein, dass die Leine zwar immer da, aber für beide kaum spürbar ist. Steht die Leine unter Spannung, dann auch die Beziehung zu Ihrem Lieblingswuff. Die Hundeleine ist quasi die Rettungsleine und sollte nach erfolgreichem Training nur im Ausnahmefall aktiviert werden.

Der Weg

Wie das klappt? Besorgen Sie sich für das Leinen-Training erstmal ordentlich Schokolade (für Ihre Nerven) und noch mehr Leckerlis (für den Hund).

Gelegentlich fragt einer meiner atemlosen Nachbarn, von einem Goldie an den Rand seiner Kräfte gebracht, wieso mein Hund eigentlich so gut an der Leine läuft. (Naja, zumindest besser als die zügellosen Zugpferde, die an mir vorbeirasen mit fliegendem Frauchen im Schlepptau.) Ich frage dann immer: Wollen Sie die kurze oder die lange Version? Bei hohem Verzweiflungsgrad wünscht meine Gassibegegnung dann meist die lange.

Und die gibt es jetzt hier auch, in aller Kürze.

Die Zusammenfassung

1. Sie sind der Chef. Der Hund braucht die Orientierung, die Sie ihm geben.
2. Die Leine ist kein Zügel. Ziel ist, dass sowohl Hund als auch Mensch die Leine kaum noch spüren.
3. Das Spazierengehen mit Hund soll Ihnen Freude bereiten. Sogar noch mehr als Ihrem Hund.
4. Übung macht den Meister. Trainieren Sie täglich, aber nur ein paar Minuten.
5. Nicht die Leine ist das Instrument, sondern Sie: Stimme, Gesten, Körpersprache.
6. Hunde lernen durch positive Verstärkung: Lob, Aufmerksamkeit, Leckerli.
7. Haben Sie genug Leckerlis eingepackt?

Wie und Wo

Wie so ein Training aussieht? Bevor Sie mit einer chicen Hundeleine aus Elchleder losziehen, besorgen Sie sich für die Übungseinheiten ein Geschirr und eine lange, leichte Leine, z. B. aus Tau oder Seil. Damit lässt sich das Wichtigste am einfachsten üben: Sie bestimmen, wo es langgeht. Fürs Training gehen Sie an einen Ort, an dem Sie Ruhe haben und ungestört sind. Die beliebte Hundewiese sollte es nicht sein.

Ideal ist das Training, wenn der Hund hungrig ist. Umso wirkungsvoller sind dann die Belohnungsleckerchen. Laufen Sie entspannt los und schauen Sie, ob Ihr Hund mitgeht. Fängt er an zu ziehen, bleiben Sie stehen. Will er in eine andere Richtung, gehen Sie genau entgegengesetzt. Das Laufen und Stehenbleiben mit lockerer Leine belohnen Sie mit Lob-, Streichel- und Futtereinheiten. Das gewünschte Verhalten kombinieren Sie immer mit dem entsprechenden Kommando und den Gesten. Zum Beispiel Fuß! Stop! oder was Sie ihrem hellhörigen Freund beibringen möchten.

Sei müssen gar nicht ziehen oder zupfen. Ganz ruhig und sehr bestimmt agieren und sprechen Sie, eben wie ein guter Chef. Aber für dieses Training brauchen Sie Geduld (da sind selbst 10 Minuten sehr anstrengend) und einen langen Atem. Denn Leinenführigkeit lernt sich nicht von heute auf morgen. Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät! Wie wir Menschen sind auch Hunde auch im fortgeschrittenen Altern noch lernfähig. Von starrsinnigen Schwiegermüttern mal abgesehen, räusper.

Bleiben Sie in Verbindung mit Ihrem Liebling. Fordern Sie auch den Kontakt ein und erwidern Sie ihn. Wenn sich Ihr braver Kumpel beim Gassilaufen immer mal wieder nach Ihnen umschaut, geben Sie ihm Bestätigung. Wenn Sie träumend oder telefonierend hinter ihm her trotten, ist das für ihn ein Signal, dass Sie gar nicht an ihm interessiert sind. Wieso dann auch Rücksicht auf Sie nehmen? Also, volle Konzentration! Wie damals bei den Mathehausaufgaben.

So, und nach dieser anstrengenden Übungseinheit haben Sie sich Ihre Belohnungsschokolade wirklich verdient. Ich hab auch noch eine mit Karamellsplittern im Schrank, fällt mir da grad ein.


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